|
Was um alles in der Welt sind Gnostiker?
von Stephan A. Hoeller
|
Die Worte Gnostiker und Gnostizismus gehören normalerweise nicht gerade zum Standart-Wortschatz des heutigen
Menschen. Tatsächlich ist weit mehr Menschen das Antonym (Ggenteil) vom Gnostiker, nämlich Agnostiker, vertraut, das wörtlich einen Nicht-Wissenden oder
Ignoranten bezeichnet, doch im übertragenen Sinn beschreibt es die Haltung von
Personen, die nicht an eine Religion glauben, sich aber dennoch nicht gerne als
Atheisten bezeichnen lassen. Gnostiker gab es jedoch schon lange vor den
Agnostikern, und sie scheinen größtenteils viel interessantere Leute gewesen zu
sein, als die letzteren. Ganz im Gegensatz zu den Nicht-Wissenden betrachteten
sie sich als Wissende – gnostikoi auf Griechisch - und benannten damit diejenigen, die Gnosis oder Wissen besaßen. Die Gnostiker waren Menschen, die
größtenteils während der ersten drei oder vier Jahrhunderte der sogenannten
christlichen Ära lebten. Die meisten von ihnen würden sich wahrscheinlich nicht
selbst Gnostiker genannt haben,
sondern sie hätten sich als Christen betrachtet, seltener auch als Juden oder
Angehöriger alter ägyptischer, babylonischer, griechischer und römischer Kulte.
Sie waren keine Sektierer oder Mitglieder einer besonderen neuen Religion, wie
Verleumder behaupten, sondern vielmehr Menschen, die eine gemeinsame
Lebenshaltung besaßen. Von dieser Lebenshaltung könnte vielleicht gesagt
werden, dass sie von der Überzeugung getragen war, dass direktes, persönliches
und absolutes Wissen zugänglich sei und mehr noch, dass die Erlangung solchen
Wissens immer die höchste Erfüllung des menschlichen Lebens bedeuten müsse.
Dieses Wissen, oder Gnosis, wurde nicht als rational wissenschaftlich
aufgefasst, auch nicht als philosophisches Kennen der Wahrheit, sondern eher als
ein Wissen, das im Herzen auf intuitive und mysteriöse Weise entsteht und
deshalb in mindestens einer gnostischen Schrift (im Evangelium der Wahrheit) Gnosis kardias, die Weisheit des Herzens
genannt wird. Das ist offensichtlich eine religiöse Vorstellung, die
gleichzeitig höchst psychologisch ist, denn der Sinn und Zweck des Lebens
scheint somit weder in einem Glauben zu bestehen, der blindes Fürwahrhalten und
ebenso blinde Unterdrückung betont, noch arbeitet diese Vorstellung mit dem
rein äußerlichen Nur-Gutes-Tun, sondern vielmehr mit innerer Einsicht und
Transformation; kurz gesagt, es handelt sich hier um einen
tiefenpsychologischen Prozeß.
Wenn wir uns die Ansicht zu eigen
machen, die Gnostiker als frühe Tiefenpsychologen zu betrachten, dann wird sofort
klar, warum sich die gnostischen Lehren und Praktiken radikal von den Lehren
und Praktiken des orthodoxen Christen- und Judentum unterscheiden. Das Wissen
des Herzen, nach dem die Gnostiker strebten, konnte nicht erlangt werden, indem man mit Jahwe einen Handel schloß oder indem ein Vertrag oder eine
Vereinbarung abgeschlossen wurde, die dem Menschen körperliches und seelisches
Wohlbefinden für die Gegenleistung des sklavischen Ausführens bestimmter Regeln
garantierte. Noch konnte Gnosis durch den inbrünstigen Glauben erworben werden,
daß durch das Opfer eines göttlichen Mannes in der Geschichte die Last der
Schuld und Frustation von den Schulten des Menschen genommen werden könnte und
daß auf diese Weise ewige Glückseeligkeit jenseits der Begrenzungen der
sterblichen Existenz gesichert sei. Die Gnostiker leugneten nicht die
Nützlichkeit der Thora oder die
Großartigkeit der Gestalt Christi, des Gesalbten des höchsten Gottes. ... Sie
bestritten auch nicht die Größe der Sendung jener mysteriösen Persönlichkeit,
welche die Menschen in seiner Verkleidung als Rabbi Jehoshuah von Nazareth kannten. Das Gesetz und der Erlöser,
die beiden am tiefsten verehrten Ideen der Juden und Christen, wurden jedoch
für den Gnostiker bloße Mittel zur Erlangung eines Ziels, das größer war als
sie selbst. Sie wurden Beweggrund und Hilfmittel, die in gewisser Weise zu
persönlicher Erkenntnis hinführen können, welche, nachdem sie einmal erworben
ist, weder Gesetze noch Glauben benötigt. Für diese Menschen sind, wie Carl
Gustav Jung es viele Jahrhunderte später ausdrückte, Theologie und Ethik nur
Trittsteine auf dem Weg zur Selbsterkenntnis
(Auto-Gnosis).
Siebzehn oder achtzehn
Jahrhunderte trennen uns von den Gnostikern. In dieser Zeit wurde der
Gnostizismus nicht nur zu einem vergessenen Glauben (wie ihn einer seiner
Interpreten, G.R.S. Mead in „Fragmente eines vergessenen Glaubens“, bezeichnete),
sondern auch zu einem Glauben und einer Wahrheit, die unterdrückt wurde.
Wahrscheinlich wurde kaum eine andere Gruppierung zwei Jahrtausende lang so
unerbittlich und konsequent gefürchtet und gehaßt, wie die unglückseligen
Gnostiker. Religionsbücher sprechen von ihnen immer noch als den ersten und
gefährlichsten aller Ketzer, und auch das Zeitalter der Ökumene scheint sie
nicht mit den Wohltaten christlicher Liebe bedacht zu haben. Lange vor Hitler
begannen Kaiser Konstantin und seine grausamen Bischöfe mit der Praxis des
religiösen Genozids gegen die Gnostiker, und diesem ersten Holocaust sollten im
Laufe der Geschichte noch viele weitere folgen. Die letzte größere Verfolgung
endete im Jahre 1244 mit der Verbrennung von 200 Gnostikern der Spätzeit (die Katharer) im Schloß von Montségur in Frankreich, einem
Ereignis, das Laurence Durell als die Thermopylen der gnostischen Seele
beschrieb. Einige der prominentesten Vertreter der Opfer des jünsten Holocaust
haben noch immer nicht die in der Geschichte am stärksten verfolgten religiöse
Minderheit als ihre Leidensgenossen erkannt, wie die Attacken Martin Bubers
gegen C.G. Jung und den Gnostizismus beweisen. Juden und Christen, Katholiken,
Protestanten und Orthodoxe (und im Fall der manichäischen Gnostiker sogar
Anhänger Zoroasters, Moslems und Buddhisten) haben die Gnostiker mit
hartnäckiger Entschlossenheit gehaßt und verfolgt.
Warum? Nur deshalb, weil ihr
Widerspruchsgeist oder ihre Gleichgültigkeit gegenüber den Moralgesetzen die
Rabbis empörte, oder weil ihre Zweifel bezüglich der physischen Inkarnation
Jesu und ihre Neuinterpretation der Auferstehung die Priester verärgerte? Oder
deshalb, weil sie Ehe und Fortpflanzung ablehnten, wie einige ihrer Verleumdner
behaupten? Wurden sie vielleicht wegen Unzüchtigkeit oder Ausschweifung
verabscheut, wie andere vorbrachten? Oder könnte es vielleicht auch sein, dass
die Gnostiker wirklich ein Wissen besaßen, und das dieses Wissen sie sowohl für
weltliche wie auch für kirchliche Einrichtungen äußerst gefährlich machte?
|
Es ist nicht leicht, auf diese
Frage eine Antwort zu geben, doch nichtsdestoweniger muß der Versuch
unternommen werden. Wir könnten solch eine Antwort versuchen, wenn wir sagen,
daß sich die Gnostiker von der Mehrheit der Menschen nicht nur in Einzelheiten
des Glaubens und ethischer Vorschriften unterschieden, sondern in der ganz
wesentlichen und grundlegenden Sichtweise der Existenz und ihres Zwecks. Die
Meinungsunterschiede waren radikal im
wahrsten Sinne des Wortes, denn sie gingen bis an die Wurzeln (lateinisch radix) der Vorstellungen und Haltungen,
die die Menschheit gegenüber dem Leben einnimmt. Ungeachtet ihres religiösen
und philosophischen Glaubens nähren die meisten Menschen gewisse unbewußte
Vorstellungen über die conditio humana,
die nicht dem Wirken des formulierten, klar umrissenen Bewußtseins entstammen,
sondern aus einer tiefen, unbewußten Unterschicht des Geistes strömen. Dieser
Geist wird viel mehr von der Biologie als von der Psychologie beherrscht; er
wirkt eher automatisch, als daß er bewußten Entscheidungen und Einsichten
unterworfen wäre. Die wichtigste dieser Vorstellungen, in der alle anderen
zusammengefaßt werden können, ist der Glaube, daß die Welt gut und daß Wirken
darin irgendwie wünschenswert und letztendlich nützlich sei. Diese Annahme führt
zu zahlreichen weiteren, die allesamt mehr oder weniger durch Unterwürfigkeit
unter äußere Umstände und unter die Gesetzmäßigkeiten gekennzeichnet sind, die
sie zu bestimmen scheinen. Trotz der zahllosen vernunftwidrigen und schlimmen
Ereignisse in unseren Leben, trotz der unglaublichen Abläufe, Irrwege und
wiederholten Wahnsinnstaten der Menschheitsgeschichte, im kollektiven wie im
individuellen Sinn, glauben wir weiterhin an die Notwendigkeit, in der Welt und
mit der Welt zu wirken, denn sie ist trotz allem Gottes Welt; und deshalb
müssen in ihrem Wirken Sinn und Güte verborgen liegen, auch wenn wir sie nur
sehr schwer wahrnehmen können. Deshalb müssen wir weiterhin unsere Rolle in
diesem System ausfüllen, so gut wir es können, müssen gehorsame Kinder, aufmerksame
Ehemänner, pflichtbewusste Gattinnen, wohlerzogene Metzger, Bächer,
Kerzenzieher sein und wider alle Hoffnung hoffen, daß aus diesem sinnlosen
Leben der Konformität doch irgendwie eine Offenbarung des Sinns erstehen wird.
So eben nicht, sagten die
Gnostiker. Geld, Macht, Regierung, die Gründung von Familien, das Zahlen von
Steuern, die endlose Kette der Gefangenschaft in Umständen und Verpflichtungen
– nichts von alledem wurde jemals in der Geschichte der Menschheit so
vollständig und uneinschränkt abgelehnt, wie von den Gnostikern. Nie haben die
Gnostiker gehofft, daß irgendeine politische oder wirtschaftlich Revolution
alle störenden Elemente in dem System, in dem die menschliche Seele gefangen
ist, beseitigen könnte oder auch nur sollte. Ihre Ablehnung betraf nicht eine
bestimmte Form des Eigentums zugunsten einer anderen, sondern sie bezog sich
auf die vorherrschende Systematisierung des Lebens und der Erfahrungen als
Ganzes. Und damit waren die Gnostiker im Besitz eines so furchtbaren und tödlichen
Geheimnisses, daß die Herrscher aller Welt – das heißt, die sekulären und
religiösen Mächte, die zu allen Zeiten von den etablierten
Gesellschaftssystemen profitierten – nicht zulassen konnten, daß dieses
Geheimnis bekannt oder gar in ihrem Machtbereich offen verkündet würde. Die
Gnostiker wußten tatsächlich etwas, und zwar folgendes: daß das menschliche
Leben seine Versprechen nicht im Rahmen der Strukturen und der etablierten
gesellschaftlichen Gegebenheiten erfüllen kann, denn sie alle sind bestenfalls
nur schattenhafte Projektionen einer anderen und weit grundsätzlicheren
Wirklichkeit.
Niemand kann sein wahres Selbst
verwirklichen, indem er das ist, was die Gesellschaft von ihm zu sein erwartet,
noch indem er tut, was sie von ihm zu tun fordert. Familie, Gesellschaft,
Kirche, Handel, Gewerbe, politische und patriotische Bindungen wie auch
moralische und ethische Regeln und Gebote können in Wahrheit nicht im
geringsten zum wirklichen geistigen Wohl der menschlichen Seele beitragen. Sie
sind im Gegenteil oftmals gerade Fesseln, die uns von unserer wahren geistigen
Bestimmung fernhalten.
Dieser Wesenszug des Gnostizismus
galt in früheren Zeiten als häretisch und wird auch heute noch oft
"weltverneinend" und "lebensfeindlich" genannt, aber er beweist natürlich
nur gute Psychologie und gute spirituelle Theologie, weil er dem gesunden
Menschverstand entspricht.
Der Politiker oder der
Sozialwissenschaftler mag die Welt als Problem betrachten, das es zu lösen
gilt, doch der Gnostiker mit seiner psychologischen Unterscheidungskraft
erkennt sie als schwierige Situation, aus der wir uns durch Einsicht befreien
sollen. Denn die Gnostiker wie die Psychologen streben nicht nach Veränderung
der Welt, sondern nach der Transformation des Geistes, was zur natürlichen
Folge hat, die Haltung gegenüber der Welt zu verändern. Auch viele Religionen
neigen dazu, in ihren Therorien eine Haltung der Innerlichkeit zu bejahen, doch
infolge ihrer Präsenz im Rahmen der gesellschaftlichen Institutionen verneinen
sie dies immer in der Praxis. Gewöhnlich beginnen Religionen als Bewegung einer
radikalen Befreiung entlang spiritueller Leitlinien, doch sie enden
unausweichlich als Pfeiler eben jener Gesellschaftsstrukturen, die unsere
Seelen in Fesseln halten.
Wenn wir wünschen, Gnosis, die
Weisheit des Herzens, zu erlangen, welche die Menschen befreit, müssen wir uns
von dem falschen Kosmos frei machen, den unser konditionierter Geist erschafft.
Das griechische Wort kosmos, ebenso
wie das hebräische olam, die oft
unzutreffend mit Welt übersetzt
werden, drücken in Wirklichkeit viel eher der Vorstellung von Systemen aus. Wenn die Gnostiker sagten,
daß das sie umgebende System böse sei
und daß man aus ihm herauskommen müsse, um Wahrheit zu erkennen und Sinn zu
entdecken, so waren sie damit nicht nur die Vorläufer der unzähligen
entfremdeten Außenseiter, angefangen vom Heiligen Franziskus bis hin zu den
Beatniks und Hippies, sondern sie sprachen auch eine psychologische Tatsache
aus, die nach ihnen erst von der modernen Tiefenpsychologie wiederendeckt
wurde.
C.G. Jung formulierte eine alte
gnostische Einsicht neu als er sagte, daß das extravertierte menschliche Ego
zurerst gründlich seiner eigenen Entfremdung von dem größeren Selbst bewußt
werden müsse, bevor es beginnen kann, in den Zustand einer engeren Einheit mit
dem Unbewußten zurückzukehren. Bevor wir uns nicht völlig bewußt sind, wie
unangebracht unser extravertierter Zustand ist und wie wenig er unseren
tieferen spirituellen Bedürfnissen genügt, so lange werden wir nicht einmal das
kleinste Maß an Individuation erreichen, durch die erst eine weitere und
reifere Persönlichkeit entsteht. Das entfremdete Ego ist Vorläufer und
unvermeidliche Vorbedingung eines Egos, das den Individuationsprozess
durchlaufen hat. Ebenso wie Jung lehnten die Gnostiker nicht grundsätzlich die
Erde, so wie sie ist, ab. Sie erkannten sie als einen Schirm, auf den der
Demiurg des Geistes sein trügerisches System projiziert. Wenn in gnostischen
Schriften die Welt verurteilt wird, so werden dafür ausschließlich die
Ausdrücke Kosmos oder dieses Äon gebraucht, doch niemals Gäa
(die Erde), die als neutral, wenn nicht als ausgesprochen gut angesehen wurde.
Es war dieses Wissen um die
geistige Unfruchtbarkeit und völlige Unzulänglichkeit der etablierten
Institutionen und Werte, ein Wissen, das man im Herzen trägt, welches den
Gnostikern als Grundlage sowohl für die Konstruktion eines Bildes des
universellen Seins als auch eines Systems zusammhängender Schlußfolgerungen
diente, die aus diesem Bild abgeleitet werden können. (Wie zu erwarten, geschah
dies bei den Gnostikern weniger durch Philosophie und Theologie als durch
Mythen, Rituale und die Pflege der mythischen-poetischen und imaginativen
Eigenschaften ihrer Seele.) Wie so viele sensitve und nachdenkliche Menschen vor
und nach ihnen empfanden sie sich als Fremde in einem ihnen fremden Lande, als
verlorener Samen ferner Welten eines grenzenlosen Lichts. Einige zogen sich,
wie die entfremdete Jugend der sechziger Jahre, in Kommunen und Einsiedeleien
zurück – Gemeinschaften von Außenseitern am Rande der Zivilisation.
Andere, die vielleicht noch zahlreicher waren, blieben in den Kulturzentren der
großen Metropolen wie Alexandria und Rom und erfüllten nach außen hin ihre
Rolle in der Gesellschaft, während sie in ihrem Inneren einem anderen Herrn
dienten – eben in der Welt, aber nicht von der Welt. Die meisten von
ihnen besaßen Bildung, Kultur und Wohlstand, doch waren sie sich der
unleugbaren Tatsache bewußt, daß alle diese Errungenschaften und Schätze vor
der Gnosis des Herzens verblassen, dem Wissen um die Dinge, die wirklich sind.
Das Wunder, daß der Hexenmeister von Küsnacht, der seit seiner frühen Kindheit
seine eigene Gnosis sucht und fand, eine enge Verbundenheit mit diesen
seltsamen und einsamen Leuten fühlte, diesen Pilgern der Ewigkeit, auf dem
Heimweg zwischen den Sternen.
|
|
Stephan A. Hoeller, aus „Der gnostische Jung“
|
|