Die esoterischen Lehren Jesu

H.P.B.


Die Theosophin und Okkultistin Helena Petrovna Blavatsky (kurz HPB) weist darauf hin, dass die Evangelien Jesu selbst esoterische bzw. geheime, nur seinen Jüngern vermittelte Lehren, enthüllen:

»Euch ist es gegeben, um das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen; denen aber draußen widerfährt alles durch Gleichnisse.« (Markus 4:11).

»Und ohne Gleichnis redete er nicht zu ihnen; aber in Sonderheit legte er es seinen Jüngern alles aus.« (Markus 4:33-34).

Im neuen Testament gibt es die Gleichnisse, aber wer kennt ihre verborgene Bedeutung?

Blavatsky sagte, dass die esoterischen Lehren erhalten blieben und von den christlichen Gnostikern gelehrt werden, die sie wiederum von den Jüngern Jesu erhalten hatten. Man kann sich gut vorstellen, wie eine solche Aussage die orthodoxen Christen damals schockierte, denn ihnen wurde beigebracht, dass der Gnostizismus eine gefährliche Häresie sei, die sich im zweiten Jahrhundert innerhalb der Kirche entwickelt habe. Die frühen Kirchenväter zerstörten über Jahrunderte hinweg jeden gnostischen Text, der gefunden werden konnte. Oft wurde die Todesstrafe für Gnostiker verfügt, und alles, was man über diese Religion in Erfahrung bringen konnte, stammte aus entstellten Aufzeichnungen christlicher Autoren. Schon allein der Name Gnostik bekam für künftige Generationen einen vom Bösen behafteten Makel.

Unparteiische Historiker, wie Gibbon, dachten anders. HPB sagt von ihm, dass er die Gnostiker als »die gelehrtesten Christen« bezeichnete, die nicht damit zufrieden waren, nur Gläubige zu sein. Auch waren sie nicht mit dem Lernen alleine zufrieden, sondern suchten direkte, persönliche Erfahrung der Gnosis. Das Wort Gnostik kommt aus dem Griechischen und bedeutet »Wissen, Erkenntnis«.

Seit HPBs Zeiten ist unvoreingenommenen Gelehrten der Wert der gnostischen Literatur immer bewusster geworden. Ein solcher Gelehrter, der Geistliche A. A. F. Lamplugh, schrieb in der Einleitung zu seiner englischen Übersetzung der gnostischen Codex Brucimus, der im Jahr 1918 als Gnosis des Lichts veröffentlicht wurde: »Neueste Untersuchungen sind eine Herausforderung für die traditionellen >Fakten<. Zusammen mit einigen Fragen von heute, und noch vielen mehr von morgen, lautet die brennendste – nicht, wie eine alberne und ausschweifende Häresie in der Kirche entstehen konnte, sondern -, wie konnte sich die Kirche aus der großen gnostischen Bewegung entfernen, wieso versteinerten sich die dynamischen Ideen der Gnosis zu Dogmen?«

Auch C.G. Jung war überzeugt, dass »die zentralen Ideen des Christentums in der gnostischen Philosophie wurzeln«. Wer mit seinen Schriften vertraut ist, weiß, wie intensiv er die gnostischen Lehren und Symbole studiert hat.

In Isis entschleiert (Bd. 2, S.205) erwähnt HPB, dass im Neuen Testament des Johannes-Evangelium und die Apostelgeschichte von Paulus voller gnostischer Ausdrücke sind, was Gelehrte heute auch zugeben. Zwei interessante Eintragungen in den Protokollen der Blavatsky Lodge aus dem Jahr 1889 zeigen, dass HPB am 12. Oktober über das Johannes-Evangelium sprach, und am 24. Oktober über Jesus und Johannes.

Die beste Bestätigung der theosophischen Ansicht, dass die geheimen Lehren Jesu von den frühesten Gnostikern studiert und geschätzt wurden, gab es Mitte des 20. Jahrhundert. 1945 machte ein arabischer Bauer namens Muhammad Ali bei einem Felsen nahe Nag Hammadi, einem Ort am Nil, ungefähr 500 Kilometer von Kairo entfernt, in Begleitung seiner Brüder eine erstaunliche Entdeckung. Sie waren von ihren Kamelen gestiegen und suchten eine bestimmte Erde, um ihre Felder zu düngen, und so gruben sie bei einem massiven Felsen in einem alten koptischen Friedhof, wo sie ein rotes, fast einen Meter hohes irdenes Gefäß fanden. Muhammad zögerte, das Gefäß zu zerschlagen, weil er befürchtet, ein Dschin oder Geist könnte darin wohnen. Aber als ihm der Gedanke kam, es könnte auch Gold enthalten, zerschlug er es und war enttäuscht, dreizehn in Leder gebundene Bücher zu finden sowie eine Menge von losen Papyrusblättern. Als er heimkehrte, warf er alles neben den Ofen und seine Mutter verwendete viele dieser Blätter, um Feuer zu machen.

Wie das Buch schließlich die Aufmerksamkeit der Behörden in Ägypten – und der Gelehrten auf der ganzen Welt – erregte, ist eine hochdramatische Geschichte, voller Aufregungen, Intrigen und, in der akademischen christlichen Welt, eifersüchtigen Kämpfen darum, wer als Erster die Dokumente übersetzen würde.

Die Allgemeinheit erfuhr von der Entdeckung erst im Jahr 1979, als Elaine Pagels Die gnostischen Evangelien veröffentlicht wurde. Da Pagels an der Harvard Universität Koptisch gelernt hatte, entsandte die Universität sie nach Ägypten, zur Untersuchung der Nag-Hammadi-Dokumente. Ihr weltweit anerkanntes Buch erhielt den amerikanischen Kritikerpreis. Der New Yorker nannte es »eine intellektuell elegante und umfassende Studie ... Die Prägnanz, mit der sie die Welt des frühen Christentums heraufbeschwört, ist ein Wunder«.

»Jene die die Nag Hammadi Schriften verbreiten und verehrten«, schreibt Pagels, »sahen sich nicht als Häretiker, sondern als Gnostiker – das heißt als Christen, die das Wissen (Gnosis) über die geheimen Lehren Jesu besaßen – Kenntnisse, die für die Mehrheit der Gläubigen verborgen blieben, bis sie sich als geistig reif erwiesen hatten.« Sie zitierte auch den vorhin genannten Vers aus dem Markusevangelium, wo Jesus zu seinen Jüngern sagte:

»Euch ist es gegeben, um das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen; denen aber draußen widerfährt alles durch Gleichnisse.« (Markus 4:11).

In ihrem Buch konstatiert Pagels, dass »Ideen, die wir mit den östlichen Religionen assoziieren, im ersten Jahrhundert durch die gnostische Bewegung in den Westen kamen, aber von Polemikern wie Iräneus unterdrückt und verurteilt wurden«. Auffallend unter diesen Ideen war die Reinkarnation, obwohl ihr Ursprung nicht in östlichen Religionen lag, sondern, so die Gnostiker, im Christentum selbst. Professor Geddes MacGregor schreibt in seinem Buch Reinkarnation und Karma im Christentum, dass »die Idee der Reinkarnation in der gnostischen Geisteshaltung, aus der sich das Christentum entwickelte, allgemein vorhanden war«. Was die Nag-Hammadi-Texte betrifft, so berichtete der französische Agyptologe Jean Doresse, dass sie lehren, »der Mensch (müsse) durch verschiedene Geburten gehen, bevor er das Ziel erreicht«.

Ein anderes koptisches Werk, das Pagels in einem anderen Zusammenhang zitiert, ist die Pistis Sophia. Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckt, enthält sie viele Seiten, in denen Christus selbst seine Jünger verschiedene Aspekte der Reinkarnation lehrt (und andere Geheimlehren der Auferstehung). HPBs wissenschaftlicher Sekretär, G. R. S. Mead, war der Erste, der die Pistis Sophia aus dem Lateinischen ins Englische übersetzte. Vor der Herausgabe als Buch erschien ungefähr die Hälfte als Serie im Lucifer, mit ca. 40 Seiten Kommentar von HPB.

Theosophische Forschungen auf dem Gebiet des esoterischen Christentums sind nicht ohne Anerkennung geblieben. In seinem Aufsatz über das Christentum in der Encyclopaedia Britannica schreibt der Kirchenhistoriker Ernst Wilhelm Benz unter »Moderne Strömungen des esoterischen Christentums« auch über die Theosophie, die »hauptsächlich durch eine Kombination von christlichen Traditionen und Lehren und höheren asiatischen Religionen charakterisiert« wird. Er beschließt den Abschnitt mit einem überraschenden Kommentar: »Viele Gelehrte sind überzeugt, dass im 20. Jahrhundert ein esoterisches Christentum notwendig ist, um als Gegenbewegung zu dem Verlust spiritueller Inhalte in einer dogmatischen, institutionalisierten und sozial statischen kirchlichen Organisation eine positive Aufgabe zu erfüllen.«

Ein Schlussgedanke zu den Entdeckungen der Pistis Sophia und Nag-Hammadi-Schriften: Oberflächlich betrachtet war es reiner Zufall, dass die Pistis Sophia und die Nag-Hammadi-Schriften ans Tageslicht kamen. So war es auch mit den Schriftrollen wom Toten Meer, die großes Aufsehen unter Gelehrten verursacht hatte. In Isis entschleiert (Bd. 2, S.26) zitiert HPB Max Müller, der in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts bemerkte:

"Die Religionswissenschaft steht erst am Anfang ... Während der vergangenen fünfzig Jahre sind die authentischen Urkunden der wichtigsten Religonen der Welt in einer höchst unvorhergesehenen und äußerst wunderbaren Art wieder entdeckt worden. Wir haben heute die kanonischen Bücher des Buddhismus vor uns, die Zend-Avesta des Zoroaster ist nicht länger mehr ein versiegeltes Buch; und die Hymnen des Rig-Veda haben uns den Bestand von Religionen aufgedeckt, die einer früheren Periode entsprechen, als jener der ersten Anfänge einer Mythologie, die in Homer und Hesiod als verfallene Ruine vor uns steht."

HPB fügt in einer Fußnote hinzu:

Eine der überraschendsten Tatsachen für uns ist, dass erfahrene Gelehrte es versäumen, die regelmäßige Wiederkehr dieser »unvorhergesehenen und äußerst wunderbaren« Entdeckung wichtiger Urkunden gerade in den geeigneten Momenten mit vorsätzlicher und absichtsvoller höherer Planung zu verbinden. Ist es denn so ungewöhnlich, dass die Hüter »heidnischer« Überlieferungen es so einrichten, dass die notwendigen Dokumente, Bücher oder Relikte gerade dann wie durch Zufall in die geeigneten Hände fallen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist?

Man fragt sich, wie viele andere Dokumente, Bücher oder Relikte noch im Verborgenen ruhen und auf den richtigen Moment ihres Erscheinens warten.


Quelle: HPB „Leben und Werk der Helena Blavatsky, Begründerin der modernen Theosophie“ Sylvia Cranston und Carey Williams

 

 

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